Potpourri

In der vergangenen Woche hatte ich sehr viele spannende Begegnungen, bekannte und neue Menschen und jedesmal hüpfte mein Herz ein bisschen. Ich war so lange alleine unterwegs letztes Jahr und auch in diesem Jahr habe ich viel Zeit in der Solitude verbracht, da spüre ich, wie meine Neugier auf Menschen wieder neu entfacht ist. Und wie ich alte Bekannte und Freunde, sogar meine Söhne, mit neuen Augen sehe. Wie herrlich!

Wir alle begegnen im Laufe unseres Lebens Tausenden von Menschen und doch bleiben nur wenige in unserer inneren Landschaft zurück. Im vergangenen Jahr traf ich in Sri Lanka die wunderbare Katja, als wir uns Blut abzapfen lassen sollten. Die tiefe schöne Seele von Susanne, der ich bei einem gemeinsamen Essen begegnete. Und meine Seelenverwandte Gabriele, die ich erst auf den zweiten Blick als eine jahrelang bewunderte Pferdefotografin erkannte. Wie beglückt reiste ich ab, um auf Bali Alexandra, Andrea und Christine zu begegnen und dann im Pool Melanie und Svenja kennenzulernen. Zweimal sass ich im Boot mit Claire und Lucy um Delfine zu sehen. Das waren spannende Morgen auf dem Wasser! In Lombok traf ich Nova, ein grossartiger Mensch, der jahrzehntelang für eine Pilgerreise nach Mekka spart. Auf dem Segeltörn traf ich die allerschönsten Menschen, mit denen ich durch das Auge eines Sturm segelte. Und dann weiter, immer weiter, bis ich in der Bretagne einige Kapriolen mit Thomas und Alexandre schlug und in Jersey alte Freunde umarmte. Ach und die grossartige Zeit in der Ardeche mit meinen liebsten Beiden, Carina und Beat! Und dann Irland, mein liebstes Land. Al und Tommy und Ruth und Marleen. Das ganze Jahr war voller wundervoller Begegnungen und die hier erwähnten begleiten mich immer noch. Was für einen goldigen Reichtum habe ich da eingesammelt in der Welt. Sie fügen sich kinderleicht ein in die Reigen meiner liebsten Menschen hier in der Schweiz und in Deutschland.

Von den vielen Menschen, denen wir begegnen, bleiben nur Wenige in unserem Herzen, ganz nah bei uns. Andere sind Komparsen, laufen uns über den Weg und hinterlassen nichts. Manchmal klickt es zwischen Menschen und manchmal eben nicht.

Es gibt eben Begegnungen, die zu einem Gespräch, einem Dialog werden. Andere, die nur ein Vorübergehen sind, quasi eine Art Besucher, die nur kurz verweilen. Und dann die, die wir wieder erkennen. Quasi als Resonanz zu unserem eigenen Herzen.

Ich glaube: wir begegnen am liebsten den Menschen, die etwas in uns zum Klingen bringen. Und das kann immer wieder etwas Unterschiedliches sein. In der vergangenen Woche traf ich zwei Frauen, mit denen ich solidarische Seelenverwandtschaft fühlte. Einen herrlich verpeilten Typen, der Kapriolen schlug und mich mit seiner Freiheit und seinem Humor und seinem Chaos abholte. Eine tiefe, feine Seele, die mich mit Melancholie berührte. Was für eine ereignisreiche Woche. Und es geht ja immer weiter. Ich staune über die Lebensklugheit meines Sohnes. Über den herrlichen lustigen Physiotherapeuten, der mich mit seinem trockenen Schalk inspiriert. Über die grosszügige Freundlichkeit von Menschen, die ich im vergangenen Jahr noch nicht so nah hatte. Ich staune und staune und freue mich über die vielen wertvollen, bereichernden Kontakte die ich erleben darf.

Vielleicht bleiben wir manchmal nicht im Leben der Anderen oder sie in unserem. Aber: Eine gute Begegnung, ist eine, die etwas hinterlässt.


Ich war lange mit einem Künstler aus Baselland befreundet. Viele Jahre hatten wir Kamingespräche vor seinem, meinem oder dem Kamin im Trois Rois in Basel. Die Wärme unserer Gespräche war immer noch tagelang fühlbar für uns beide. Schliesslich haben wir uns aus den Augen verloren, aber die Erinnerung ist immer die selbe: Warm und fein, tief und kunterbunt. Ein Lebensbegleiter, den ich nicht missen möchte, auch wenn sich unsere Wege getrennt haben.

Vielleicht sind die wertvollsten Begegnungen nicht mit den beeindruckendsten Menschen, sondern die mit jenen, bei denen wir aufhören können, jemand sein zu müssen. Bei ihnen müssen wir uns nicht erklären, nicht beweisen, nicht anpassen. Wir dürfen einfach sein. Und vielleicht erkennen wir gerade daran unsere Seelenverwandten. Nicht daran, dass sie uns verändern wollen – sondern daran, dass wir in ihrer Nähe mehr wir selbst werden.

Wir sind nicht ein abgeschlossenes Individuum – vielmehr glaube ich, durch die Begegnungen formen wir schliesslich denjenigen, der wir selbst sind. Wir werden quasi ein Mosaik aus Begegnungen, jeder und jede, die wertvoll sind für uns, fügen ein Teil hinzu oder lehren uns etwas, das uns verändert oder unsere Sicht auf die Welt bereichert.

Manchmal fühlen wir uns angezogen von einem Menschen, der uns etwas spiegelt, das wir in uns selbst vergessen haben. Und jemanden kennenlernen könnte ja auch heissen: Wir haben den Menschen nicht gesucht, sondern er tauchte auf, im richtigen Moment mit dem einen Satz, den wir gerade hören mussten.

Wir gehen durchs Leben und glauben, wir würden Menschen begegnen. Vielleicht ist es manchmal aber genau umgekehrt: Vielleicht sind es genau die Menschen, die erscheinen, damit wir uns selbst ein Stück näher kommen. Am Ende erinnern wir uns besonders an jene, die etwas in uns zum Leuchten gebracht haben.

Ich bin reich beschenkt. Gerade denke ich an meinen philosophischen nachdenklichen Freund Reino, der nun diesen Blog liest und in dem eine Saite zum Klingen kommt. An Sabine, die reich beschenkt aus Japan zurück gekehrt ist, diesen Blog liest und sich an Menschen erinnert, denen sie auf ihrer Reise begegnet ist. An Charlotte, die diesen Blog liest und unser nächtliches Gelage von letzter Woche erinnert. An Jan, der seit 2018 jede Woche diesen Blog liest und dann vielleicht an den Moment auf der Klippe in Jersey denkt. An Heiri, der diesen Blog liest und schmunzelt und seine Liebste anschmachtet als grosses Geschenk einer letzten Liebe.

Menschen, bunt wie ein Potpourri, alle ganz unterschiedlich. Mein Herz ist voll mit den wunderschönen Menschen in meinem Leben. Was brauche ich Gold und Tant!

Ach, und um das nicht zu vergessen:

La vie! et les gens – sont belle! – Das Leben und die Menschen sind schön!

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Die GROSSE Liebe

Die einen hatten sie und haben sie verloren, die anderen suchen lebenslänglich, einige halten sie für eine Fatamorgana, andere für den Sinn des Lebens, ganz wenige haben eine gefunden… was hat es nur auf sich mit dieser grossen, grossen Liebe.

Ich muss lachen, wie oft ich schon gehört habe, ich sei die „Liebe des Lebens“. Keiner der Männer ist noch an meiner Seite. Das Leben, muss ich feststellen, geht auch nicht immer wie wir das so wollen – und es ist nichts ewig. Oder sagen wir: Ganz selten und ganz rar ist das mal der Fall. Wenn mir mal wieder einer sagte, ich sei die Liebe seines Lebens, musste ich zunehmend schmunzeln. Eigentlich hatte sich der Mann damit disqualifiziert. Denn in meinen Augen hatte er nunmal das Leben nicht verstanden. Aber dazu später mehr…

Die Suche nach der „grossen Liebe“ und die Vorstellung davon ist eines der schönsten Märchen, die wir Menschen erfunden haben. Und gleichzeitig ist es die Quelle von so viel Leid, unerfüllter Sehnsucht und Lebensfrustration. Kürzlich sagte eine ansonsten fantastisch interessante Frau, ihr Leben sei nichts wert, weil sie den Traum der grossen Liebe nicht erfüllt bekommen hätte. Da blieb viel leerer Raum in ihrem Herzen, den sie dafür aufgespart hatte.

Ich muss wieder lachen – vor Jahren erzählte mir eine esoterische Selbstberufene man müsse unbedingt! Platz lassen für den Partner der Träume, sonst käme der nie.

Wieviele Menschen klammern sich an diese fixe Idee? Und warum gelingt es so selten?

Eine romantische Idee in uns sagt: Irgendwo gibt es genau den Menschen, der mich vollständig macht. Wenn ich ihn finde, ist alles richtig, rund und komplett. So in der Art von Yin und Yang, die nur gemeinsam ein Rund bilden. Doch darin steckt ein schwieriger Gedanke: Dass uns nämlich (immer noch) etwas fehlt zum totalen Glück.

Das ist eine Illusion – oder sogar: Spirituelle Eitelkeit im umgedrehten Sinn.

Vielleicht suchen wir die grosse Liebe so verzweifelt, weil wir meinen, unvollständig zu sein – oder sogar! OHA! Dass das Leben unvollständig ist.

Wir suchen eigentlich gar keinen anderen Menschen, sondern einen verlorenen Teil von uns selbst. Der Partner, (der arme Mensch), wird dann das Medikament und das Trostpflaster gegen innere Einsamkeit, Angst oder Leere. Niemand kann diese Aufgabe erfüllen.

Viele nennen sogar diese Idee mit dem durchgeschnittenen Ei um zu sagen, dass es den Einen also zwingend geben muss! Platon’s Lehre!

Es ist der Mythos des Kugelmenschen, den wir so gerne glauben:
Platon beschreibt es folgendermaßen: „Der griechischen Mythologie zufolge wurden die Menschen ursprünglich mit vier Armen, vier Beinen und einem Kopf mit zwei Gesichtern erschaffen. Aus Furcht vor ihrer Macht spaltete Zeus sie in zwei getrennte Hälften und verdammte sie dazu, ihr Leben lang nach ihrer anderen Hälfte zu suchen.“

Für Platon ist die Liebe kein blosses Vergnügen, sondern der ständige, schmerzhafte Drang, die eigene ursprüngliche Ganzheit wiederherzustellen. Die Anziehungskraft zwischen Menschen ist der Versuch, den Urzustand der Einheit zu erlangen. Da die Menschen auf grausamste Weise voneinander getrennt wurden, ist das Gefühl der Unvollständigkeit, der Sehnsucht nach Nähe und der Einsamkeit ein grundlegender Teil der menschlichen Existenz.

Wie überaus anstrengend und traurig klingt das! Keine Spur von Romantik!

Deshalb zerbrechen so viele Beziehungen (schau mal: BE-Zieh-ung) – nicht an mangelnder Liebe, sondern an enttäuschten Erwartungen.

Es könnte doch sein, dass die grosse Liebe gar keine Person ist? Sondern vielmehr ein Zustand?

Der Partner würde dann nicht mehr zur Quelle der Liebe sondern zu einem Spielraum, in der die Liebe möglich und sichtbar wird.

Mystiker aller Traditionen haben da etwas Ähnliches beschrieben: Nicht die Liebe eines Menschen ist das Höchste, sondern die Fähigkeit zu lieben.

Im Buch der Bücher steht demnach auch:

Das Hohelied der Liebe

1Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. 2Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. 3Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.

4Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, 5sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, 6sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; 7sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

8Die Liebe höret nimmer auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. 9Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. 10Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.

11Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. 12Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.

13Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die Grösste unter ihnen.

Wir sind oft so sehr auf einen Diamanten fixiert, dass wir die ganze Schatzkammer übersehen. Meine Antwort auf die Frage, was denn die grosse Liebe ist, wäre daher: Die grosse Liebe ist nicht der eine Mensch, den Du findest, sondern der Moment, in dem Du erkennst, dass Du auch ohne ihn vollständig bist.

Und paradoxerweise begegnen uns dann oft Menschen, die wir wirklich lieben können. Weil wir sie nicht mehr brauchen , sondern weil wir sie wählen.

Die grosse Liebe ist nicht das Ende einer Suche, sondern die wundervolle Suche nach dem Lieben.

Ach, ich habe auch oft geliebt, gross und klein. Und einmal sogar jemanden, den ich heute als die grosse Liebe bezeichnen würde. Weil er ganz und gar mit mir im Gleichklang war auf allen Ebenen. Vielleicht war er mein zweites Ich und ich seines. Diese Liebe hatte kein Happy-End. Sie endete nicht, sie dauert an in alle Ewigkeiten. Weil er mir gezeigt hat, was Liebe ist und sein kann.


Liebe kann immer sein, in jedem Moment und jeder Begegnung. Dazu braucht es kein Etikett. Kein Objekt. Kein Eigentum. Keine Verpflichtung. Keinen Schwur (alle Schwüre führen nirgendswo hin). Die grosse Liebe ist, wenn Du spürst: Ich muss gar nichts mehr haben, wollen, begehren. Ich bin da und ich bin ganz.

Dann kann man sich komplett schenken und aus 1 + 1 werden plötzlich 3.

Denn Ich und Du und Wir – jeder für sich alleine glücklich und im gemeinsamen Spielraum auch noch ein grosses Wir.

Die grosse Liebe, was für ein herrlicher Gedanke. Das Leben an sich ist es. Das Dasein. Das Ganzsein. Das erfüllte Herz.

Kinderleicht zu finden! Die Schatzkiste steht offen, denn:

La vie est belle – Das Leben ist schön.

„Trotzdem“ widme ich diesen Blog der grossen Liebe – Donna Heidi und Peter und der lieben Susanne, die ihre grosse Liebe vor vielen Jahren gehen lassen musste. Ich wünsche Susanne, dass sie wieder „ganz“ wird. Und Heidi und Peter, dass sie jeden weiteren Tag zusammen feiern können. L’amour est belle.

Geduld bringt Rosen (oder so)


Ehrlich, das Thema Geduld habe ich ganz gewiss nicht erfunden. Und in den letzten beiden Wochen war mein diesbezüglicher Kredit aufgebraucht. Ich hatte keine Lust mehr und ich ging durch alle Phasen der Ungeduld. Von der puren Verzweiflung bis zur furiosen Wut. Seit dem 5.Februar habe ich keinen einzigen Schritt mehr gemacht auf meinen beiden Beinen. Und es gibt ja auch noch eine Steigerung von „lahm“ und die hiess: Lahm auf beiden Seiten. Ich war in einer Rage, schmiss die Gehstöcke, fluchte wie ein Berserker… leider hat das alles nichts genutzt. Wie hat mir ein alter Freund einmal versichert: Das Gras wächst nicht schneller wenn man daran zieht.

Dabei brauchen alle guten Dinge Geduld. Oder sagen wir mal so: Was gut sein will muss reifen.

Geduld ist ein Reizwort für mich, deshalb will ich es lieber anders aufgleisen…

Fast alles Lebendige widerspricht unserer täglichen Hast. Natur als Spiegel – ist Reifen in Ruhe und mit Zeit. Der Schmetterling entsteht nicht trotz der langen Dunkelheit im Kokon – sondern wegen ihr. Dieser Satz ist wichtig und genau deshalb schreibe ich ihn nochmals:

Der Schmetterling entsteht nicht trotz der langen Dunkelheit im Kokon – sondern wegen ihr.

Ein Küken, das man zu früh aus dem Ei reisst, stirbt. Ebenso der Schmetterling – oder die Libelle. Es braucht das Abstreifen jeder einzelnen Haut, das Herauswinden – oder sagen wir es schöner: Das Entfalten. Ein Wein, den man beschleunigt, verliert Tiefe. Und Wunden, die man zu früh belastet, reissen wieder auf.

Das Thema ist nicht nur Geduld beim Werden – sondern ein Vertrauen in die Reifung.

(hier muss ich seufzen… wirklich SEHR LAUT SEUFZEN)

Wir leben in einer Zeit, in der wir jeden Schmerz schnell ausschalten wollen, die Heilung sofort wollen. In den letzten Wochen habe ich das immer wieder gesehen. Und in einem psychologischen Prozess muss die Transformation Schritt für Schritt gehen. Niemals darf der Therapeut zu schnell voran preschen, weil er die Lösung schon kennt. Nicht zu viel Druck machen damit der Patient sich bewegt. Es muss alles in Ruhe passieren, im Tempo, das sich der Wichtigkeit anpasst.

Geht etwas „zu schnell“, dann verliert es an Tiefe. Es muss reifen, es muss vom Kopf ins Herz und dann in den Bauch rutschen. Dann durchatmen. Und neu starten, Schritt für Schritt wieder raus ins neue Leben. Puh, ganz schön anstrengend für einen zappeligen ungeduldigen Mensch.

Aber fast alles Wertvolle entsteht langsam. Das Trocknen von Holz. Das Reifen der Früchte, Gemüse und Weintrauben, das Keltern. Das Aufblühen der Blumen, das Wachstum von Bäumen. Und hey, eine gute Liebe braucht auch Zeit. Verbindungen sowieso. Oder neu Erlerntes bis zur Souveränität. Vertrauen braucht Zeit. Trauer braucht Zeit. Jede Form von Heilung braucht Zeit.

Reifen ist kein Stillstand sondern Wachstum! Unsichtbare Arbeit.

Dabei denke ich an den chinesischen Bambus. Die Geschichte des chinesischen Bambus ist deshalb so kraftvoll, weil sie etwas beschreibt, das wir Menschen ständig vergessen: Dass Wachstum oft unsichtbar bleibt.

Man pflanzt den Samen des chinesischen Bambus in die Erde. Dann giesst man ihn. Tag für Tag. Monat für Monat. Jahr für Jahr. Und scheinbar passiert – nichts.

Kein grüner Trieb. Keine sichtbare Veränderung. Keine Belohnung für die Geduld. Viele würden irgendwann glauben, der Samen sei tot. Oder der Gärtner habe versagt.

Doch unter der Oberfläche geschieht etwas Gewaltiges: Der Bambus baut sein Wurzelwerk auf. Breit und tragfähig, tief und stark. Und dann, nach vielen Jahren, geschieht das Unfassbare: Der Bambus schiesst innerhalb weniger Wochen meterhoch in den Himmel. Nicht weil er plötzlich wächst – sondern weil er schon immer gewachsen ist. Aber eben zuerst in die Tiefe und dann in die Höhe.

Manchmal glaubt man mitten im gefühlten Stillstand, dass nichts vorangeht – obwohl man in Wahrheit gerade Wurzeln bildet für eine Höhe, die ohne diese Tiefe nicht möglich gewesen ist.

Und vielleicht sind genau die Zeiten, in denen wir glauben stillzustehen, jene, in denen das Leben am tiefsten in uns arbeitet.

( so, jetzt atme ich aus. SEHR TIEF AUS)

Du auch?

Jedes Jahr kommt der Frühling rechtzeitig. Die Singvögel und Bienen und Insekten erwachen und es geht wieder los mit dem guten Leben.

Denn wie auch immer wir es drehen und wenden:

La vie est belle – Das Leben ist schön!

Wahrheit

Die letzten Wochen hatten eine ganz besondere Dynamik und ich bin ein bisschen sprachlos, was sich alles an die Oberfläche kämpft. Ich hörte von einem Freund, der sich im September letzten Jahres das Leben nehmen wollte und danach nicht mehr den schönen Schein aufrecht erhalten konnte. Er war (für sich selbst gefühlt) schon immer Gay, hatte aber ein Scheinleben, eine Lüge, gelebt. Das hat ihn so belastet, dass seine Seele in immer kürzer werdenden Abständen aufschrie, bis er schliesslich seiner grössten Angst begegnen musste und sich outete. Seine erste Lösung war aber, auszuweichen und sich davon zu stehlen. Wie gut, dass der Suizid nicht gelungen ist. Nun aber zwang das Leben ihn, endlich einzugestehen wer er wirklich ist. Damit war seine Ehe hinfällig und viele Menschen in seinem Umfeld waren schockiert. Ich wünsche ihm von Herzen, dass man ihn in Ruhe sein wirkliches Leben leben lässt und er genug Kraft in sich trägt, jetzt den Weg seines wahren Selbst zu leben.

Und auch andere Menschen kreuzten meinen Weg, meist beruflich, die endlich Schluss machen wollen mit den Lebenslügen, den falschen Entscheidungen. Menschen, die das schnelle Geld korrumpiert hatte, andere die ihre Ideale verraten hatten. Menschen, die in toxischen Beziehungen steckten und endlich den Mut aufbrachten, von diesem unguten Klima auszubrechen. Ein guter Freund, der eine unmögliche Liebe mit allen Mitteln am Leben zu halten versucht, ein Umstand, bei dem er sich mehr und mehr selbst verliert, wenn er nicht endlich die scharfe Brille aufsetzt und sieht, was wirklich ist.

Wie schwer ist es doch, authentisch zu sein. Und wie überaus anstrengend.

Viel einfacher: Mit dem Strom schwimmen, mitspielen, tun was erwartet wird. Tun, was man gelernt hat, was die Gesellschaft, der Status, die Kultur von uns verlangt.

Wieder einmal schüttle ich den Kopf.

Ich muss ein bisschen schmunzeln, wenn ich bedenke, was mir Freunde geraten haben in den letzten Wochen: „Mach schön Deine Übungen!“ und „das wird schon bald wieder, du musst Geduld haben“ und „Denk dran, schön langsam! Nicht zu viel auf einmal“. Ich dachte mehr als einmal ein paar sehr hässliche Gedanken bei diesen Rat-Schlägen. Niemand geht in meinen Schuhen. Unsere Erziehung und Gesellschaft erwartet, dass schnellstmöglich alles wieder „normal“ sein soll. Ja nicht zu viel jammern oder Widerstand leisten. Es scheint wirklich für alles Schablonen zu geben, selbst für die Gesundung.

Wie zuwider ist mir das – der Mainstream. Das, was man soll. Und das, was man nicht soll. Wie genau man es soll. Wie es vorgeschrieben ist. Wie es sein muss. Was normal ist … Sind wir immer noch nicht weiter?

Was braucht es, um mutig eigene Entscheidungen zu treffen?

Wieviel Zivilcourage haben wir noch?

Was kostet es, ungemütlich zu sein?

Vor allem: Was braucht es, wirklich authentisch zu leben?

Das Entscheidende ist wohl vor allem, dass Authentizität kein egoistischer Akt ist, sondern etwas zutiefst Menschliches. Es geht nicht um Egoismus: „Ich mache jetzt nur noch was ich will“. Sondern: „Ich kann nicht länger gegen meine eigene Wahrheit leben, ohne innerlich einsam und traurig zu werden.“

Menschen funktionieren oft jahrzehntelang, erfüllen die Rollen, bedienen Erwartungen, halten Frieden und Harmonie hoch und wollen dazugehören, anerkannt sein. Und irgendwann merken sie dann, dass sie keine eigene Verbindung mehr zu ihrem Herz, zu ihren Sehnsüchten haben. Authentizität ist kein Luxus-Egoismus sondern ein psychischer Überlebensinstinkt.

Im Falle meines Freundes war es so, dass er wie nach einem viel zu langen Traum aufgewacht ist und erkannt hat, dass ihm sein gesamtes Leben fremd geworden war. Vehement hatte er seine Sehnsucht unterdrückt – und zum Teil betäubt mit immer grösser werdenden Mengen Alkohol. Bis zum Super-Gau. Kein Weg mehr zurück und auch keinen Weg nach vorne. Ein Wendepunkt. Eine Krise.

Ich glaube ja, der heutige Luxus ist nicht Reichtum, Status (-symbole), Ansehen, Macht, das Vorzeigen eines gut gestylten Lebens. Der heutige Luxus ist die Freiheit, sich selbst zu sein, auf sein Herz zu hören, den eigenen Weg zu gehen.

Irgendwann erreichen wir den Punkt, an dem Anpassung gefährlicher wird als Veränderung. Ein Punkt, an dem die Seele müde wird vom ständigen Verbiegen.

Authentizität ist kein rebellischer Akt, es ist ein Befreiungsschlag in das Leben, was wir eigentlich ersehnt hatten.

Vielleicht ist Authentizität heute der mutigste Luxus überhaupt: Lieber echte Ablehnung riskieren als lebenslängliche Anpassung. Das Ende eines langen inneren Verrats.

Denn: Unsere Tage sind gezählt und die Möglichkeit, wirklich authentisch zu leben ist genau jetzt. C.G.Jung hat gesagt: Es kommt der Tag, an dem Du entscheiden musst – Bist du gut – oder wahr? Es gibt nur das: Wahr.

Und vor allem sollten wir das immer im Auge behalten:

La vie est belle – Das Leben ist schön! Schön!

Amüsement

Ich muss schmunzeln, wenn ich das hier schreibe. Aber letzte Woche war ich nicht besonders amüsiert. Kaum hatte ich den Blog Eintrag beendet und abgeschickt, so ereilte mich die kosmische Rache. Ich lag noch in einer fragilen Verfassung nach der letzten Operation in meinem Spitalbett. Am Morgen war meine stille Nachbarin entlassen worden, eine junge feine Frau aus dem Welschland, die mit ihrem Freund flüsterte, wenn er da war, weil es mir nicht besonders gut ging und ich fast zwei Tage verschlief nach der langen Vollnarkose, die mein Körper zu verarbeiten hatte.

Ich klappte den Laptop zu und schmunzelte noch ein bisschen über meinen Milieu Beitrag- indem ich deutlich erwähnt habe, wie sehr mich alles Italienische stresst – als sozusagen ein karmischer Denkzettel mich ereilte. Nachdem der andere Spitalplatz gereinigt worden war öffnete sich die Tür und ein Inferno kam in meinen Raum in forma einer älteren italienischen Nonna. Sie sprach kein Wort Deutsch. Alle mussten sich anpassen und in den meisten Fällen mit Google Translator arbeiten, auch die Ärzte, deren sie sehr viele bedurfte.

Von Anfang an war Chaos. Die Nonna stöhnte, schrie, fluchte (Porca Miseria, Madonna mia!) und beschäftigte jeden, der auf den Beinen war. Sie machte auch keine Ausnahme, egal ob die Pflegenden ihr sagten, sie sprechen kein Italienisch. Es wurde sofort alles kommentiert und alle Wünsche mussten sofort erfüllt werden, Fenster auf und zu, was trinken, essen, den Blutdruck messen. „Sto male! Non mi sento bene! Sto morendo! Aiuto!“ – Ich bin krank! Ich fühle mich nicht wohl! Ich sterbe! Hilfe!. In den ersten Tagesstunden klingelte sie im Halbstundentakt. Während ich mir noch mit AirPods und Augenbinde meine kleine Heilungswelt zu bewahren versuchte. Ich atmete und machte alle Entspannungs- und Autosuggestionsübungen, die ich gelernt habe – und in meiner Arbeit lehre! Das würde schon gehen, dachte ich.

Ganz besonders heftig wurde es ab mittags. Da kam „La Famiglia!“ Und diese Familie war gross, sehr gross. Die Tür ging auf und immer das selbe Prozedere: „Mamma! Nonna! Oh mio Dio!“ es wurde immer gebrüllt, die Alte war allerdings nicht taub. Es war ein Ausdruck heftigen Entsetzens, dass die Gute im Spital war. Dann wurde geknutscht, die Blumen überreicht, Konfekt, Obst, Zeitschriften… und dann palavert. Sie standen an ihrem Bett, um ihr Bett herum. Die Zahl der Besucher variierte zwischen 4 und 12. Immer kam jemand und Neue folgten. Das ging den ganzen Tag so. Am Abend riefen weitere an und die Nonna brüllte ins Telefon, vielleicht waren die Anrufer taub oder wenigstens nahezu.

Taub wurde ich auch langsam. Jetzt stöhnte ich. Niemals kann ich in so einem Milieu, einem solchen Klima gesunden. Ich war genervt, aggressiv, wütend. Ich wollte rüber gehen und ihr einen meiner Gehstöcke überbraten, vor allem weil das Theater die ganze Nacht weiter ging. Ich bekam keinen Schlaf, meine Nerven bluteten aus, sprichwörtlich. Ich war jetzt selbst „furioso“, so eine Emotion gibt’s gar nicht in schweizerdeutsch und in meinem feinen englisch auch sehr selten. Ausserdem hatte ich kaum die Nerven irgendwas zu tun, zu schwach, zu defensiv war ich.

Der nächste Tag ging genauso weiter. Ich war ausgeliefert. Und ein Teil von mir beobachtete die ganze Szenerie aus der Adlerperspektive. Ich sah uns beide von oben – und musste mich innerlich kaputt lachen, während ich real schon mein inzwischen kochendes Blut händeln musste. Meine vier Jahre im Tessin hatten sich potenziert, jetzt bekam ich die ganze verfluchte Ladung Italinata in 48 Stunden.

Ich habe nicht viele italienische Worte gelernt. Aber ich kann fluchen und ich kann Essen bestellen. Als die Nonna wieder einmal besonders ausrastete, weil die Pflegenden nicht sofort kamen, nahm ich all meine Kraft zusammen, setzte mich auf und brüllte sie an: „Ti spezzerò il collo tra un attimo, maledetta vecchia troia“! Ich werde das hier nicht übersetzen. Sie war schockiert, weil sie dachte ich verstünde kein Wort. Und ausserdem dass ich mich so etwas traute. Danach war Ruhe. Sie war eingeschüchtert. Wir wurden noch am selben Tag getrennt.

Es war nicht nett von mir. Und ich wollte auch nicht nett sein. Manchmal nutzt nur das. Ich wusste ich werde zur Mörderin, wenn das so weiter geht und die ganze Bagage wieder reinkommen würde. Ich musste handeln, um meine Nerven zu schützen und auch um irgendwie zu meinem Heilungsfrieden zu kommen. Basta.

Trotzdem habe ich in den letzten Tagen über das Thema Amüsement nachgedacht. Eine Haltung, die ich seit vielen Jahren als Leitfaden für mein Leben annehme:

Ich will mich amüsieren und nicht ärgern. Oder eben nicht amüsieren und entziehen. Es gibt keine weitere Entscheidungsvariante. Das habe ich von Queen Elisabeth II gelernt. Sie pflegte immer zu sagen: I am amused. Oder: I am not amused.

Irgendwann dachte ich: Die Queen will sich amüsieren, das scheint ihre Art zu sein, mit dem Leben umzugehen.

Seitdem habe ich mich grundsätzlich auch entschieden, dass ich mich zwingend jeden Tag amüsieren möchte. Hintergedanke ist, das Leben wie ein Theaterstück zu sehen. Das heisst nicht, dass ich oberflächlich bin, aber es heisst, dass ich der Bitterkeit keinen Raum geben möchte. Ich will mich einfach nicht empören oder runter ziehen lassen. Und die Wendungen des Lebens als absurd und interessant betrachten. Für mich eine gute Haltung, die ich vor allem oft in meinem Job brauche.

Wer sich noch wundern, lachen, also amüsieren und über die Tragikomik der Menschen staunen kann, der bleibt lebendig, beweglich und frei. Das ist keine Flucht vor dem Leben sondern eine Haltung, die uns hilft, das Leben nicht ganz so ernst zu nehmen. Ein Umstand, dem ich ohnehin noch nie viel Platz in meinem Dasein gegeben habe.

Denn: La vie est belle! Das Leben ist schön!

Milieu

In den letzten Wochen habe ich viel über dieses Thema nachgedacht. Vor allem weil ich an einer reichen Fülle von unterschiedlichen Orten war. Ich kam aus einer Zeit der Stille und Leere in Nordirland, in der ich nur mit wenigen Menschen sprach und stundenlang den langen leeren Strand entlang schlenderte und den weit weiten Himmel genoss. Und dann ging es nach dem Unfall direkt los in ganz und gar andere Eindrücke.

Ich spürte, dass jede Umgebung etwas mit mir tat. Und die Gespräche mich verfolgten oder langweilten oder aufwühlten. Und das Gesehene mich inspirierte oder öffnete oder einengte. Und damit bin ich ja nicht allein. Es geht uns allen so.

Ein bisschen muss ich schmunzeln, dass ich einmal eine katastrophale Fehlentscheidung getroffen hatte. Vor einigen Jahren, es hatte mit der permanenten Aufenthaltsgenehmigung in Jersey nicht geklappt, hatte ich die wahnwitzige Idee ins Tessin zu ziehen. Oh du meine Güte. Ich mag kein italienisches Essen. Die Sprache und deren Tempo/Tonation nervt mich. Ich mag keine Touristen. Heisses Wetter ist gar nicht meins. Die verdammten Berge ekelhaft nah. Ich sass auf meinem Balkon und schaute ins Tal aber rechts und links schienen sich die riesigen Berge zu zu schieben, so dass sie mich zerquetschen würden. Alles ging mir da auf den Geist, ich fror im Winter erbärmlich und die Schönheit meines Tals erreichte mich nur an guten Tagen. Ich pickte mir die Kirschen: Das glasklare Wasser in den Flüssen und Wasserfällen, die Kirchen, die entlegenen einsamen Gegenden, die Unberührtheit und das Archaische in der Landschaft. Nur – lang hielt es mich! natürlich! nicht!

Ich bin in meinem Leben oft umgezogen, ich denke so alle 3-4 Jahre in der Regel, weil ich immer Lust auf Neues hatte. Und mich Routinen langweilen. Immer schon. Schon als kleines Mädchen wollte ich ständig was Neues erleben, spannenden Menschen zuhören. Noch immer, ungebremst, hungert es mich nach guten Büchern, neuen Ideen, anderen Gedanken, inspirierenden Gesprächen. Die Weite! Ich brauche sie unbedingt und überall. Ich bin eine Suchende und bleibe es auch.

Und dann dachte ich darüber nach, was das Milieu, in dem wir uns bewegen, mit uns macht. Wie es uns einnimmt, sich in uns einschleicht und uns, eigentlich im Wesentlichen – öffnet oder schliesst. Uns zu einem besseren Menschen macht. Oder eben das Gegenteil davon.

Interessanterweise bringt mich das in eine ganz eigene Richtung:

In wie fern sind wir wirklich frei in unseren Entscheidungen?

Zunächst prägt uns mal alles: Unsere Sprache prägt wesentlich unser Denken. Ist Dir schon aufgefallen, wie sich deine Stimmlage verändert, deine Wortwahl, dein Sprachtempo, wenn Du in einer anderen Sprache, oder einem Dialekt sprichst? Was tut es für Dich, Muttersprache zu sprechen oder Dich auf eine andere Sprache einzulassen? Ist Deine Sprache komplex oder einfach? Unterschiedlich in der gewählten Sprache? Sprache bildet Gedanken, erweitert den Geist oder reduziert ihn. (Nur noch Emojis zum Beispiel killen den Geist und die Kommunikation)

Gewohnheiten prägen uns in unserem Tagesablauf und können Sicherheit (bei den Sicherheitssuchenden) und Langweile und Einengung (bei den Freigeistern) sein.

Milieu kann zu einer inneren Struktur werden. Und auch hier gilt das alte Gesetz:

Anpassung oder Rebellion.

Wir suchen das Gleiche um uns geborgen und sicher zu fühlen. Oder wir suchen den Gegenentwurf um möglichst viel Risiko und Abenteuer in unserem Leben zu haben.

Wie wir aufwachsen, wo wir gross werden, was wir lernen, essen, sprechen, erfahren, als Vorbild annehmen, das alles ist ein inneres Gerüst, das wir entweder endlos nachahmen oder eben genau das Gegenteil davon machen. All das prägt uns.

Ich muss schmunzeln, wenn ich zum Beispiel daran denke, wie leidenschaftlich ich Minigolf spielen hasse (ich werde schon allergisch wenn ich Fotos davon sehe) oder wie sehr mir manches Essen zuwider ist. Oder erzwungene Floskeln und Phrasen. Oder Strassenkehren. Oder Anhäufen von Erinnerungsstücken. Oder überhaupt viele Dinge besitzen. Oder den muffigen Geruch von alten Textilien. Textilien überhaupt, ganz schlimm. … Gehe ich zurück darauf, warum ich das so hasse, dann sind es die Erinnerungen, die daran verknüpft sind. Eine Realität, die ich abgestreift habe.

Man könnte provokant sagen, dass wir die meisten Dinge nicht entscheiden, sondern wiederholen. Auch die Abneigungen!

Milieu kann also ein Ausgangspunkt sein, muss aber nicht immer das Gleiche bleiben. Wir können uns ein neues Milieu suchen, zu dem wir uns mehr dazugehörig fühlen. Sozusagen als Gegenentwurf zum Gegebenen. Oder dem, was wir schon ausprobiert und nicht als förderlich befunden haben. Nur eins ist ganz gewiss:

Je genauer Du weisst, wer Du bist – desto sicherer kannst Du Dir Dein eigenes Milieu aussuchen – und das Falsche unbedingt verlassen! Freiheit muss man sich erobern und es ist bisweilen mühsam. Denn: Wenn es das falsche Milieu ist, in dem Du Dich befindest, so wird es Dich lähmen, klein halten, in Angst festhalten, Deine Möglichkeiten beschränken. Wenn es das Richtige ist, dann hebt es Dich, lässt Dich aufblicken, über alle Komfortzonen und Einengungen hinaus in Dein Potential wachsen.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, Zugehörigkeit ist existenziell. Also wird Dein Herz sowieso danach streben da zu sein, wo es singen und tanzen kann. Es ist eigentlich ganz einfach: Überall wo Du glücklich, friedlich und entspannt bist, da bist Du richtig. Überall wo Du lachen kannst, Menschen und Situationen Dich berühren, da bist Du willkommen. Alles was zu Dir passt löst Glücksgefühle bei Dir aus. Wähle nur das und Du hast ein glückliches Leben!

Wir alle sind in einem Milieu. Mit diesem Blog möchte ich Dich auffordern nach innen zu fragen: Fühle ich mich hier wohl? Bin ich glücklich? Inspiriert? Hat dieser Weg, diese Situation, diese Verbindung ein Herz? Entspricht es meinem Innersten? Kann ich hier wachsen?

Wenn nein, musst Du unbedingt weiterziehen und die richtige Atmosphäre suchen, in der Du Dich entfalten und das Leben geniessen kannst. Wenn ja, dann mach weiter! Mach Dein Leben schön, gross, bunt und mach Dich glücklich!

Denn, am Ende geht’s nur darum, das Leben zu geniessen so lange wir es haben.

La vie est belle! Belle! – Das Leben ist schön

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Sich aufrichten

Ich bin hundertemale vom Pferd gefallen. So oft, dass mein Reitlehrer, ich war gerade 13, mir ein paar Sicherheitsgurte empfahl, die man unter dem Sattel anbringen sollte und meinen Oberkörper fixieren könne. Ich fiel immer wieder. Alle rieten mir ab, das Reiten weiterhin zu versuchen, der Reitlehrer sagte er hätte noch nie ein Kind mit so wenig Talent gesehen.

Ich fiel bei Turnieren weil mein ausgeliehenes Pferd mich über das Hindernis schmiss, statt selbst darüber zu springen. Ich fiel, wenn mein Pflegepferd vor Freude Bocksprünge machte. Ich fiel, weil ein anderes Pferd, das ich ab und zu ritt, Angst vor Traktoren und Mähdreschern hatte und durchging. Ich fiel sogar, weil ich vergessen hatte den Sattelgurt anzuziehen. Ich fiel, weil ich mich nicht halten konnte, weil ich nicht vorausschauend ritt, weil mein Pferd auch fiel. Weil ich nicht aufpasste, weil das Pferd scheute, weil andere mich zum Sturz brachten. Einmal fiel ich bei einer Jagd im wilden Galopp. Ich brach mir viele Knochen. Alles glatte Brüche, mehrere Wochen Gipsverband und dann sass ich wieder auf. Unerschütterlich. Ich war 42 Jahre eine Reiterin. Und habe längst vergessen, welche Blessuren mein Körper in dieser Zeit hatte.

Und dann bin ich auch ab und zu aus allen Wolken gefallen. Wenn mir etwas klar wurde mit dem ich nie gerechnet hatte. Oder eine Überraschung aus dem Nichts kam. Oder weil ich im Liebeskummer ertrank.

Fallen war nie das Problem. Aufstehen danach auch nicht.

Aber: Es hat noch nie so lange gedauert, wieder aufzustehen wie dieses Mal. Und es war noch nie so vielschichtig. So elementar und brutal und subtil.

Vor zwei Wochen hatte ich mir ein neues Auto angesehen. Ein chices Ding in einer eigenwilligen Farbe. Aber als ich hinter dem Lenkrad sass konnte ich meinen Fuss nicht aufs Pedal stellen ohne Panikattacke. Ich fuhr das Auto nicht Probe. Ich stieg wieder aus und liess es. Aber – Ich liebe doch Autofahren! Und ich brauche meine Freiheit mich jederzeit irgendwo hin zu bewegen!

Also rief ich meinen Psychiaterfreund an und er riet mir, den selben Minicooper auszuleihen, den ich an meinem Unfall bei mir hatte. Mit viel Glück hatte meine ehemalige Garage genau so einen zum Probefahren. Ich musste das Auto anlassen, losfahren und so oft wie möglich nach rechts abbiegen (der Unfall geschah als ich gerade abbiegen wollte).

Ich fuhr also los und redete mir gut zu und ich nahm einen Trick mit: Wenn man Angst hat und das vegetative Nervensystem beruhigen möchte, dann muss man so tun, als ob man nur durch einen Strohhalm atmen könne. Ich nahm den Trick. Es funktionierte. Ich war ruhig und dennoch: Meine Nerven waren aufs Äusserste gespannt. Ich fuhr los. Das Modell hat inzwischen 160 PS mehr. Er schoss los. Ich bog ab, fuhr, bog wieder ab. Es funktionierte! Ich fuhr eine halbe Stunde.

Trotzdem wollte ich das Auto nicht kaufen. Ich sah, wie mein Knie ganz nah am Armaturenbrett war. Das hatte zum Bruch geführt und würde mir nie mehr passieren dürfen.

Also ein paar Tage später: Wieder ein Auto Probefahren. Und diesmal ging es, ich blieb ruhig, wenn auch sehr verhalten. Ich fühlte mich wohl und sicher. Und herrlich, wie übersichtlich die Strasse von etwas weiter oben ist. Dieses Modell hatte ich vor vielen Jahren schon einmal gefahren und hatte ihn geliebt und bis zum letzten Kilometer seines langen Lebens genossen. Ich kaufte ihn, gab ihm einen Namen. Und schliesslich war ich wieder „on the road“.

Ich war also quasi wieder aufs Pferd gestiegen. Aber ach. Es war nicht mehr so leichtfertig wie früher. Diesmal werde ich nicht viele Geschwindigkeitsübertretungen haben. Keine Bussen mehr budgetieren müssen. Ich krieche. Aber: Ich geniesse! Wie herrlich, wieder auf dem Weg zu sein. Unterwegs. Das Dachfenster öffnen und den Windwiderstand geniessen, wenn man die Hand heraus hält. Kilometer zu machen. Menschen zu besuchen, die ich sehr sehr lange nicht gesehen habe. An tolle Orte zu fahren.

Dass ich dann aussteige und aus den hinteren Sitzen die Gehhilfen hole, kein Problem. Hauptsache: Wieder unterwegs sein!

Etwas ist mir aufgefallen: Diesmal war alles intensiv. Früher war ich nach jedem Fall, jedem Sturz, ganz einfach wieder aufgestiegen und hatte weiter gemacht. Und diesmal war alles neu. Alles frisch. Jeder Handgriff war speziell. Die Bewegung. Das Sichtfeld. Das Gefühl.

Mit ganz grossen offenen Augen sah ich Dinge, die ich lange nicht gesehen hatte. Und bereits seit geraumer Zeit als „selbstverständlich“ angesehen hatte. Wie viel nehmen wir gar nicht mehr wahr, tun es jeden Tag, ohne es zu bewundern, ausgiebig zu feiern und wert zu schätzen. Das wird meine neue Haltung: Alles zu bewundern was da ist. Und wenn es noch so gewöhnlich ist: Den Wasserkocher, den irischen Tee. Den Kühlschrank, eine weiche Matratze, die Waschmaschine, das Türschloss. Den Computer natürlich! Unsere Kleidung, die Zahnbürste, die Dusche mit dem herrlich heissen und kalten Wasser. Und ja – natürlich! Auch den Körper. Wie er läuft. Meiner läuft jetzt ein paar Tage ohne Gehhilfen. Dann kommt die nächste Operation und das ganze Hochkämpfen geht von vorne los.

Aber: Aufrecht werden, sich aufrichten. Damit dürfen wir niemals aufhören. Auch wenn es bisweilen etwas länger braucht.

Denn: Das Leben muss gefeiert werden! La vie est belle! Das Leben ist schön!

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Eigentlichkeiten

Die letzte Woche habe ich über ein Phänomen nachgedacht… Über Zufälle. Über Schicksal. Über Vorbestimmung… ich wurde mir nicht einig mit mir selbst also habe ich recherchiert. Vorausgegangen waren ein paar „Zeichen“, wie ich sie nenne.

Nach acht Monaten kam ich zurück in mein Domizil, das ich im Sommer verlassen hatte. Ich war damals zum Umpacken kurz dort gewesen für zwei Tage und hatte die Sonntags NZZ gelesen. Sie war durchgelesen und trotzdem entsorgte ich sie nicht, liess sie auf einem Sessel liegen. Mir gefiel das Wortspiel, das als Titel dick gedruckt war… schau selbst…

Im Nachhinein, jetzt, nach acht Monaten, schien es wie eine Zukunftserinnerungen, ein Omen, ein Zeichen, wohin das Aufbrechen mich führen würde. Und auch weitere Zeichen hatte ich erhalten, dass das grosse Abenteuer vielleicht ein anderes Ende nehmen würde als von mir beabsichtigt. Ich ging dem nach. Wenn es sehr viele Zeichen in die gleiche Richtung gibt, dann muss ich das ernst nehmen.

Ich las ein paar populär gewordene Gedankenexperimente aus der Anfangszeit der Modernen Physik, beschäftigte mich mit Quantenphysik und Zufälligkeiten, dem Nachweisen was Bewusstsein in Bezug auf unser Leben macht. Über das hatte ich in einem früheren Blog Post schon einmal geschrieben: https://adler-perspektiven.blog/2026/01/05/das-unsichtbare-netz

Und jetzt kam ich zu einem ganz neuen Spektrum: Das Herrmann Gitter.

Es ist „eigentlich“ eine klassische optische Täuschung, bei der an den Kreuzungspunkten eines weißen Gitters auf schwarzem Grund (oder umgekehrt) flimmernde, graue Flecken erscheinen. Diese Flecken verschwinden, wenn man sie direkt fixiert. „Eigentlich“ also ein neurologisches Phänomen, das vor allem im Aufbau des Auges, der Netzhaut und der Wahrnehmung existiert. Aber es wirft eben auch Fragen auf: Wenn Dinge einfach verschwinden, wenn man sie fixiert, heisst das dann auch, dass sie vielleicht von Anfang an nicht existiert haben?

Im Gitter der Welt, klar gezogen in Schwarz und Weiß, beginnt etwas zu flimmern, das nie dort war. An den Kreuzungen entstehen Schatten, flüchtige Punkte, wie Zweifel, die nur im Augenwinkel leben. Schaust du sie an, verschwinden sie. Hältst du inne, sind sie wieder da als hätte dein Blick sie erschaffen und zugleich vertrieben.

So arbeitet das Innere: Es ergänzt, verdichtet, erfindet,wo die Welt eigentlich still und eindeutig wäre. Und vielleicht ist das die leiseste Wahrheit: Nicht alles, was dich beunruhigt, ist wirklich da – aber es ist wirklich in dir entstanden.

Das heisst ganz konkret: Das Hermann-Gitter zeigt etwas Grundlegendes:

Wir sehen nicht einfach die Realität
Wir sehen eine Interpretation unseres Gehirns.

Können wir also – im Umkehrschluss – auch Dinge erschaffen, die wir sehen wollen, die wir erleben sollen? Wieviel Power hat unser Bewusstsein, die Dinge zu bewegen, die Realität zu erschaffen? Im besten Fall: Das was wir wünschen wird Realität. Im schlimmsten Fall: unsere Befürchtungen/Prognosen/Ängst wahr werden lassen, weil wir sie lange genug fixiert haben?

Puhhh, das war ein spannender und herausfordernder Gedanke.

Das Indra-Netz sagt: Alles hängt miteinander zusammen

Das Hermann-Gitter sagt: Was du siehst, entsteht in dir

Zusammengenommen entsteht ein dritter Gedanke:

Die Welt, die du erlebst, ist

ein Zusammenspiel aus äusserer Vernetzung und innerer Deutung.

Oder noch klarer:

  • Aussen: ein Netz aus Beziehungen
  • Innen: ein Netz aus Bedeutungen

Und beide spiegeln sich.

Und, wie krass. Das ist keine Esoterik. Es ist Physik die zu Erkenntnis und zur Forschung unseres Bewusstseins dient

Vielleicht also ist die Welt ein Gewebe, so fein, dass kein Anfang und kein Ende sichtbar ist. Ein Netz, in dem alles mit allem spricht –leise, spiegelnd, ohne Worte.

Und mitten darin: Dein Blick.

Er wandert über die Knotenpunkte und beginnt zu deuten, zu ergänzen, zu erfinden.

Hier ein Schatten, der keiner ist. Dort ein Zusammenhang, der entsteht, weil du ihn siehst.

So treffen sich zwei Geheimnisse: Dass alles miteinander verbunden ist –und dass du es bist, der diese Verbindung sichtbar macht.

Vielleicht ist Wirklichkeit genau dort: wo das Netz der Welt und das Netz in dir
sich für einen Augenblick ineinander erkennen.

Das war sehr viel zum Denken. Ich weiss, es ist ein überaus anstrengender Blog. Aber die Welt kann eben nicht immer in der Oberfläche betrachtet werden. Es laufen so viele Dinge zusammen, ich lade gerne ein, weiter zu denken, weiter zu erkennen. Ich persönlich glaubte immer schon an Zeichen, an Wendungen, die ich selbst provoziert habe, an Dinge die Dinge begünstigt haben. An Orte, die Entwicklungen stimuliert oder auch erst möglich gemacht haben.

In diesem Zusammenhang hat mir gestern ein Freund ein schönes neues Wort kreiert: „Eigentlichkeiten“. Manchmal sind wir so sehr damit beschäftigt, in die falsche Richtung zu blicken, dass wir nicht sehen, was direkt vor unseren Augen ist. Und in anderen Momenten sehen wir, was noch gar nicht da ist – und erschaffen es. Wo ist der Anfang und das Ende?

Ich glaube wir sind mitten drin im spannendsten aller Leben.

Und ganz fest glaube ich: La vie est belle – Das Leben ist schön!

Körpertrauma, eine Erklärung

In den vergangenen Wochen habe ich etwas Spannendes festgestellt: Ich habe einen Schock.

Ich hatte noch nie einen so Grossen. Einen, den ich lange nicht gespürt oder festgestellt hatte. Der Schock sass so tief, dass er sich gut verstecken konnte. Und als ich ihn dann mal erkannte, wusste ich sofort woher der kam und wo er sich befindet. Er hatte sich tief in mein Zwerchfell eingegraben, liess mich schwer atmen und oft seufzen. Und weil ich ihm nicht zuhörte, suchte er sich andere Ventile. Das sicherste Indiz: Immer wenn ich – oder jemand anders – mein verletztes Knie oder die Operationsnarbe berührte, fing das gesamte Bein an zu zittern. Und das zog sich wie heisse metallische Ladung dann durch beide Beine und hoch in meinen ganzen Körper. Ich schüttelte mich, zitterte, gefror. Das ging oft so, bis ich mich endlich darauf einlassen konnte und es mit dem psychosomatischen Arzt in der Klinik besprach. Und weil das Thema so elementar ist, schreibe ich darüber, denn – Körpertrauma. Das ist ein Thema, das viele von uns unbewusst haben.

Am 5. Februar fuhr ich glückselig singend über die irischen Landstrassen Richtung Fährhafen. Zwar wollte ich nur ungern meine Insel verlassen, aber ich war so glücklich und dankbar für die allerbeste Zeit meines Lebens, dass ich fröhlich und euphorisch war. Gefühlt war ich weit höher als nur im siebten Himmel. Ich liebte das Leben intensiv – La vie est belle,belle! Einige Male habe ich in den letzten 100km die Fenster herunter gelassen und geschrieen: I LOVE YOU IRELAND!

Und dann kam der Aufprall. Brutal und elementar. Metall gab nach, das Auto schleuderte, die Airbags sprangen heraus. Das Auto begann ohrenbetäubend zu hupen, das Handy auch. Ich sass eingeklemmt hinter dem Lenkrad. Die Tür liess sich nicht öffnen. Der Aufprall war gewaltig, der Andere donnerte mit 80 km/h ungebremst in mich hinein, wie wir inzwischen aus seiner Blackbox wissen. Meine Knochen im rechten Bein gaben nicht nach, sie zerbarsten. Der Sicherheitsgurt schnitt mir viele Hämatome in den Oberkörper. Die Brille sprang mir von der Nase. Ich prallte mit dem Oberkörper gegen etwas. Und dann war Stille. Ich wartete darauf, dass meine Lichter ausgehen. Mein Körper wusste: Das hier ist der letzte Moment. Todesgefahr.

Etwas in mir war in diesem Moment stehen geblieben. Nicht mein Bewusstsein, meine Stimme oder meine mentale Resilienz. Ich aktivierte mein Notfallprogramm. Brachte mich in Sicherheit, liess mich aus dem Auto ziehen, konnte immer noch fehlerfrei alles verstehen und sagen in meinem allerbesten irischen Englisch. Aber mein System blieb stehen. Ich war – abrupt! – aus einer Bewegung heraus gefallen und von Jetzt auf Gleich angehalten worden.

Die Welt ging weiter – Unfallort – Unfallhelfer – Emergency – Klinik – Heimflug mit liebevollem Profi – Spital – Op – Reha. Aber: Der Körper war nicht fertig. Hatte die nächste Bewegung nicht gemacht. War zu schnell, viel zu schnell vom hohen Himmel gestürzt direkt auf den eiskalten, harten Asphalt. Die Erinnerung war in meinem vegetativen Nervensystem gespeichert. Der Körper war immer noch im Überlebenskampf und verstand nicht, dass er überlebt hatte. Ehrlich gesagt, ich habe auch ein paar Tage dafür gebraucht, es aber schliesslich verstanden. Mit dem Kopf, nicht mit dem Körper. Der bebte noch immer in Todesgefahr.

Im Moment des Unfalls hatte der Körper alles getan, um mich zu schützen. Hatte sich angespannt, die Stresshormone aktiviert, mich zum Funktionieren gebracht. Und dennoch hatte er Bewegungen eingefroren, konnte nicht fliehen oder wegrennen oder ausweichen. Ich konnte nicht raus aus dem Moment. Das bleibt.

Der Körper befindet sich sofort in einem Prozess. Er arbeitet weiter an dem was war, obwohl doch aussen alles geregelt ist. Ich sah meine Narbe, von der alle sagten sie sei gut verheilt. Beim Fädenziehen wurde ich fast ohnmächtig. Es stresste mich gewaltig. Und dann stresste mich auch alles mögliche Andere. Ich war nicht mehr in der Lage etwas „auszuhalten“ was mir unangenehm war. Hatte keine Ressourcen mehr. Denn der Körper ist beschäftigt, während der Kopf beständig sagt: ist doch alles gut jetzt!

Das Nervensystem kennt keine Zeit. Und es hat auch nur zwei Programme: Gefahr – oder Sicherheit. Und es hört nicht schnell auf mit dem Impuls das hier gerade Gefahr ist. Es zittert und bebt und hat Angst – obwohl doch vermeintlich alles unter Kontrolle ist. Das System arbeitet hart: Es muss runterfahren und Ladung abbauen. Deshalb zittert der Körper.

Wissenschaftlich erklärt: Das autonome Nervensystem übernimmt bei einem solchen Ereignis. Ich habe nicht emotional reagiert, sondern neurobiologisch umgeschaltet: Der Sympathikus aktiviert Kräfte wie Kampf oder Flucht. Der ventrale Parasympathikus sorgt für Sicherheit und Ruhe und der dorsale Parasympathikus sorgt für Erstarrung und Abschalten (deswegen erinnern wir uns alle lange nicht, was bei einem Unfall passiert ist).

Bei einem Unfall passieren zwei Dinge gleichzeitig: Eine extreme Aktivierung (Herzrasen, Spannung, Stresshormone) und gleichzeitige Erstarrung (Freeze). Die Kälte bleibt sehr lange im Körper. Die Spannung baut sich ab, indem der Körper es immer wieder wegzittert.

Unsere Amygdala, das Stresszentrum im Gehirn, reagiert: Gefahr erkennen und speichern. Dabei gibt es keine Zeitachse, das bleibt als sichere Leitung im Kopf.

Sobald das System wieder getriggert wird (noch in der Phase des Abarbeitens) reagiert die Amygdala so, als wenn die Gefahr jetzt gerade wieder da ist.

Die unvollendeten defensiven Reaktionen wie weglaufen, kämpfen, schützen laufen weiter und bleiben schliesslich im Nervensystem stecken. Daraus entsteht ein Trauma. Dabei sind nach so einem Unfall oft die Verbindungen zwischen dem präfrontalem Cortex (Verstand, Einordnung, mentale Verarbeitung) und dem limbischen System vorübergehend gestört. Das heisst konkret: Man weiss, dass man sicher ist – aber der Körper weiss es noch nicht.

Es braucht Zeit und Verständnis und Einverstandensein, um dem Körper zuzuhören. Das System braucht länger, sich wieder sicher zu fühlen. Es gibt gute Therapien dafür: Wärme. Körperliches Wohlbefinden (sanfte Körpertherapie, Körperkontakt) langsames Aktivieren und Entladen. Längeres (hörbares) Ausatmen statt schnelles Einatmen. Mikrobewegungen. Und: Geduld.

Ich arbeite. Atme. Wärme mich. Und: Ich habe keine Eile. Das ist wichtig.

Immer noch denke ich: Das Leben ist schön! Schön! Was denn auch sonst!

Es gibt keinen Grund, sich zu beeilen. Alles braucht seine Zeit. Das Zittern ist weniger geworden. Ich singe und lache wieder. Und hätte ich gerade ein Auto würde ich die Fenster öffnen und schreien: I LOVE YOU IRELAND. Daran hat sich nichts geändert. Also zurück auf Start. Kein Trauma dauert ewig – und vor allem ist ein Trauma kein Drama. Nur ein Prozess durch den wir gehen. Heilbar. Der Körper reguliert das schon, wenn man das zulassen kann.

Ich werde wieder Auto fahren. Lachen, tanzen, singen. Und nach Irland fahren. Mit der Fähre. An der Urlaubsstelle vorbei und den ganzen langen Weg zurück an meinen Strand. Aber jetzt bin ich hier. In der sicheren Schweiz. In sicheren Händen. In meinem lieben Körper, der sich sanft um mich kümmert. Ich habe überlebt. Das ist eine Einladung für mehr mehr mehr.

Mal schauen, was das Leben macht! Es ist bestimmt gut!

Denn: La vie est belle! Das Leben ist schön!

Engel in Tarnanzügen

Fünf Wochen habe ich in einer Rehaklinik verbracht und dabei intensiv beobachtet, wie ein solcher Betrieb funktioniert. Vor allem habe ich die Interaktionen zwischen den Angestellten und den Patienten verfolgt. Und

Ich ziehe meinen (imaginären) Hut! Ich verbeuge mich!

Nicht nur – aber natürlich auch – weil ich keinen dieser Jobs machen könnte weil mir schlicht die Nerven dafür fehlen würden!


Sondern vor allem, mit wieviel Liebe, Geduld und Hingabe die Therapeuten und Fachangestellten Gesundheit das machen. Wie freundlich die Menschen in der Cafeteria und im Speisesaal waren. Wie jeder, der in diesem Haus arbeitet, achtsam mit den Menschen umgegangen ist. Eine gleichbleibende Qualität und freundliche Grundhaltung. Auch untereinander. Niemand war irgendwie genervt oder sichtlich gestresst, obwohl es mehr als genug Arbeit gibt und sich manchmal dringende Notfälle entwickeln.

Ich habe kleine Gesten beobachtet. Ein jüngerer Mann kollabierte zweimal morgens vor seinem Zimmer und atmete schwer. Er bekam Notfallhilfe. Wir anderen gingen oder rollten an ihm vorbei, um ihn nicht mit neugierigen Blicken zu brüskieren. Und ich sah die Fa-Ge, wie sie ihm sanft über den Rücken streichelte, um ihn zu beruhigen. Im Speisesaal sah ich, wie eine Dame der Bedienung um den Hals fiel, um sich zum Abschied zu bedanken und die Angestellte die Umarmung herzhaft erwiderte. Ich sah sanfte Physiotherapeuten, die Mut zusprachen (auch mir) und eine handfeste Frau, die eher ein straffes Regiment führte und motivierte. Ich sah Angestellte, die lange lange unendliche Geduld hatten, wenn ich schon beim Zuschauen oder Zuhören fast explodierte über die Dreistigkeit der Patienten.

Und jede Woche liefen einige glücklich in die Freiheit und eine neue Armada neuer Patienten erschien. Jedes Bett wurde innert Stunden neu belegt und jedesmal begann alles von vorn: Patienten die mit Schmerzen und Beschwerden kamen, schwach und leidend, zerschmettert und angstvoll. Jedesmal wurden sie von den Angestellten liebevoll aufgenommen, gehegt, gepflegt, wieder auf die Beine gestellt.

Ein nie endender Strom von Phönixarbeit: Die Leute fallen ins Feuer und verbrennen und stehen wieder auf in neuem Glanz.

Woher nehmen diese wunderbaren Menschen diese Kraft das immer weiter zu machen? Ich konnte sie nicht fragen. Mit vielen war ich in einem schönen Austausch. Und doch habe ich nicht gefragt, weil ich mich bewusst zurück halten wollte. Ich war nicht als Coach da, sondern als Patient – und Patient heisst nun mal auf englisch: patient. Was so viel heisst wie: Geduldig sein.

Ich war so geduldig wie ich nur konnte. Aber beobachtet habe ich sie trotzdem, die hilfreichen Engel. Und gestaunt weil sie ihren Job so gut orchestriert, so effizient und so zugewandt gemacht haben. Einigen durfte ich ein bisschen über die Schulter schauen und die ein oder andere Hintergrundgeschichte erfahren. Ich glaube ganz fest, dass diese Menschen eine riesige Portion Nächstenliebe bekommen habe. Weit mehr als die meisten Menschen, die ich kenne.

Also noch einmal: Ich verneige mich.

Wie viel besser wäre es, wenn es mehr Menschen gäbe, die diese Qualitäten in ihre Arbeitsbereiche tragen. Es wird mir eine Inspiration für meine Arbeit sein. Und vielleicht habe ich genau das gelernt in der Reha: Geduldiger, freundlicher, milder, toleranter zu sein. Denn, unnötig zu sagen für meine Leser: Ich habe mich jeden Tag viele Male über die zum Teil undankbaren Patienten geärgert. Wenn ich sie aus den Augen der Angestellten sah, wurde ich etwas freundlicher 😉

Ein Loblied also auf alle, die sich den Menschen annehmen, ihre Liebe und Geduld und ihre Unterstützung geben und wirklich mitfühlen.

La vie est belle! Das Leben ist schön.